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„Sie müssen nur den Nippel durch die
Lasche...“
Ein Beitrag zum Thema „virtuelle Firmen“
von Achim H. Pollert
veröffentlicht in ibt (informatik, büro, technik) Nr. 1/98 vom 27.3.98 in CH-Winterthur
Im Zeitalter des internationalen Warenverkehrs haben wir mit Gebrauchsanleitungen aus Taiwan, Korea
(oder auch nur aus Amsterdam) leben gelernt. Wir lachen, wenn wir sie lesen. Wir verzweifeln, wenn wir
sie
zu befolgen versuchen. Und wir vergessen meist, dass Gebrauchsanleitungen heute ein sehr wichtiger
Bestandteil aller Produktqualität sind. Gerade im Bereich dieser technischen Dokumentation ist zur Zeit
eine völlig neue Arbeitsform im Entstehen begriffen.
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Wie es so schön heisst:
"Wenn es Lautdeformation gibt, bitte
minimieren Sie das haupt Antriebniveau
(aber nicht ausschalten!) am Tastatur, und
treten Sie wieder Ihre Antriebsoftware ein.
Wenn es das erste Mal währen Sie das
Lautstärkeniveau vollausdrehen, keine
Disformationen gibt, mögen Sie das
Lautniveau in Ihren Lautkarte Antriebsoftware
'Up' (Aufwärts) regulieren."
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Wer mit dieser Gebrauchsanleitung seine Multimedia-Tastatur nicht installieren kann, der... hat eben
Pech gehabt.
Und das Schlimmste ist: Vielleicht ist die russische oder
griechische Gebrauchsanleitung eines Schweizer Produkts
ganz genau so lausig...
Und schon sind wir mitten im Geschäft von Wolfram Pichler.
Pichler ist Diplom-Ingenieur. Er lebt in Berlin, wo er als
Freiberufler technische Dokumentationen für
Wirtschaftsunternehmen erstellt. Er erstellt Handbücher und
Gebrauchsanleitungen für technische Produkte und Software.
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Das Geschäft...
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In unserer Zeit werden technische und EDV-Produkte immer
komplizierter. Gleichzeitig steigen die Ansprüche der
Kunden, was Gebrauchsanweisung und technische
Dokumentation angeht. Und weil die Spezialisten, die ein
Produkt entwickeln, meist nicht so fit sind bei der
Niederschrift eines brauchbaren Handbuchs, greifen viele
Unternehmen auf Spezialisten wie Wolfram Pichler zurück.
Mit seinem Ingenieur-Studium hat er wohl das nötige
Rüstzeug, um einen technischen Ablauf zu begreifen.
Gleichzeitig aber ist er eben nicht "betriebsblind" und weiss
auf Grund seiner langjährigen Erfahrung, wie man die
Beschreibung eines Produkts angehen muss.
So weit so gut.
Nun verkaufen wir heute nicht mehr - wie vielleicht zu
Winkelrieds Zeiten - gerade mal bis ins nächste Dorf. Das
"Dorf", in dem wir heute verkaufen, ist die ganze Welt. Und
die meisten unserer Kunden sprechen damit nicht unsere
Sprache.
Somit ist das Problem der lausigen Uebersetzung in
Fremdsprachen noch nicht gelöst. Wenn Wolfram Pichler
dem Kunden sein Handbuch abliefert, dann ist das wohl in
sauberem, verständlichem Deutsch abgefasst und enthält die
für die Bedienung wichtigen Angaben.
Aber wer übersetzt das nun in die Fremdsprachen. Zum
Beispiel Englisch, Französisch - oder auch Portugiesisch
und Niederländisch?
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Und dann die Idee...
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Nun sagte sich Pichler: "Es würde doch meine
Geschäftschancen erheblich erweitern, wenn ich dem
Kunden gleich noch die Uebersetzung in eine Fremdsprache
anbieten könnte."
Freiberufliche technische Dokumentatoren gibt es heute ja
auch genug, so dass die Konkurrenz zum Teil sehr hart ist.
Aber welcher Doku-Dienst kann dem Kunden denn gleich
mal auch noch die kompetente Übersetzung ins, sagen wir,
Russische anbieten?
Diese Überlegung war die Geburtsstunde des Projekts
"Commuconvoy".
Denn mit der Übersetzung in Fremdsprachen allein war es
noch nicht getan. Vielmehr suchen viele Hersteller heute
neben der mehrsprachigen Gebrauchsanweisung dann auch
noch jemanden, der das Ganze auf CD-ROM bringt, der dem
Handbuch das nötige grafische Design gibt, und schliesslich
auch eine Druckerei, die ein solches Handbuch
gebrauchsfertig erstellt.
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Ein Konvoi von Spezialisten
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Und so suchte sich Wolfram Pichler weitere Freiberufler, die
sich entsprechend spezialisiert haben. Technische
Uebersetzer, Kommunikationsberater, Grafiker. Und alle
zusammen reihen sich ein in eine virtuelle Firma.
Die Gruppe (... "Genossenschaft", "Sozietät" - eine richtige
Bezeichnung gibt es dafür noch nicht) bietet ihre Dienste im
Internet an. Unter
www.commuconvoy.de
kann man sich einen Überblick darüber verschaffen, wie
dieser Konvoi funktioniert. Es gibt kein gemeinsames Büro,
die Mitglieder sind über ganz Deutschland verstreut. Jeder
hat seinen eigenen Kundenkreis und nimmt am Konvoi nur
teil, soweit es um technische Dokumentationen und
Gebrauchsanweisungen geht.
Ohne Internet wäre eine solche produktbezogene
Zusammenarbeit gar nicht möglich. Per Internet haben sich
die einzelnen Mitglieder gefunden. Gemeinsam betreiben
diese Freiberufler einen Internet-Server, auf dem sie ihre
Dienste anbieten. Per Internet stimmen sie ihre Aktivitäten
aufeinander ab.
Während ein Kunde sich bisher um ein ganzes Dutzend von
Spezialisten einzeln bemühen musste, hat er bei
Commuconvoy mit einem einzigen Mausklick alles, was er
braucht, aus einer Hand.
Trotzdem bleiben die einzelnen Mitglieder dieses Spzialisten-Konvois unabhängige Kleinunternehmer, die
flexibel, schnell
und preiswert arbeiten. Wie in einem Menü kann der Kunde
individuell die Kernkompetenzen auswählen, die er für sein
Projekt braucht - im Gegensatz zum Grossbetrieb zahlt er
aber nur die Leistungen, die er wirklich beansprucht.
Aus dem früher eher zufälligen "Ich habe da noch jemanden
an der Hand" wird hier eine systematische
Zusammenfassung von Kompetenzen, die es für ein
konkretes Produkt braucht.
Und das ist etwas völlig Neuartiges. Vielleicht ist es
wegweisend für neue Arbeitsformen der Zukunft.
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Projekt mit Zukunft...
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Denn was Wolfram Pichler da beispielhaft ins Leben gerufen
hat - das könnte ein Muster sein für die Zusammenarbeit von
kleinen und mittelständischen Firmen überhaupt.
Warum sollten sich nicht andere Berufsgruppen für andere
Produkte in derselben Weise zusammenfinden?
Fachanwälte. Ingenieure. Unternehmensberater.
Warum sollten nicht ein Grafiker aus Nidwalden, ein Texter
aus Düsseldorf, ein CI-Berater aus Salzburg, ein Fotograf
aus Basel und ein Filmproduzent aus München gemeinsam
eine virtuelle Werbeagentur auf die Beine stellen? Jeder
bleibt unabhängig - aber im Internet treten sie als Konvoi auf,
der die gesamte Werbeleistung anbieten kann.
Und schon wieder entsteht etwas Neues, das es ohne die
neuen Medien nicht gegeben hätte...
Jeder der Freiberufler bleibt unabhängig - und doch kann so
jeder die Vorteile nutzen, die ein gemeinsames Auftreten mit
sich bringt. Und jeder hat die Chance, an Aufträge zu
kommen, an die er mit konventionellen Mitteln nie
gekommen wäre.
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Wie?
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Sehr einfach: Wenn Wolfram Pichler in Berlin wieder einmal
den Auftrag für eine technische Dokumentation erhält, dann
hat der Multimedia-Produzent in Bayern, der im
Commuconvoy Mitglied ist, die Chance, genau diese
Dokumentation auf CD-ROM zu bringen. Unter
konventionellen Voraussetzungen hätte der Multimedia-Produzent von diesem Auftrag in Berlin nie etwas
erfahren
und das Geschäft nicht gemacht.
Das aber gilt für alle Mitglieder dieser virtuellen Firma. Wenn
die Werbeagentur im Ruhrgebiet für einen Kunden eine
Produktstrategie erarbeiten soll, dann ist eben vielleicht auch
die Erstellung einer technischen Dokumentation erforderlich.
Und so weiter.
Wir stellen also fest: Während wir noch sorgenvoll auf die
Grosskonzerne starren, die nicht mehr rentabel arbeiten und
immer spektakulärer zu Monster-Konglomeraten fusionieren,
ist in den Nischen der Wirtschaft - unter den Zehntausenden
von leistungswilligen und anpassungsfähigen
Kleinunternehmern - der Fortschritt bereits im vollen Gang.
Hier werden neue Technologien aufgegriffen und nach ihren
Vorteilen abgeklopft. Hier wird unkonventionell gebastelt und
gepröbelt, bis es passt. Hier finden wir sehr viele der
künftigen Arbeitsplätze wieder, die heute in der
Konzernwirtschaft wegrationalisiert werden (müssen).
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Das Leben in der Nische
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Vielleicht liegt in diesen Nischen, im Neuen, im Orginellen,
im Eigenverantworlichen unser aller Zukunft..
Interesse für das Thema "Virtuelle Firmen"? Unter
www.twho.com/telework
können Sie sich
kostenlos eine Multimedia-Präsentation zu diesem Thema
von Achim H. Pollert, dem Autor dieses Beitrags,
herunterladen.
Einige Fakten:
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in der Schweiz hatten Umfragen zufolge Ende 1997
ca. 720,000 Personen Internet- Zugang.
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rund die Hälfte davon gab an, das Internet intensiv zu
nutzen.
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61 % (!) aller Internet-Nutzer sind über 30 Jahre alt.
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fast die Hälfte der Internet-Nutzer hat ein
monatliches Einkommen von über 8000.-- Franken.
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